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"Bewegt bin ich beim ersten Mal, als ich das neue Kafenion betrete. Zwei Tische sind besetzt: Links neben der Eingangstür einige Touristinnen, rechts drei Bewohner aus dem Dorf, an die ich mich sehr gut erinnere. Einer von ihnen ist sehr alt geworden, wie man so sagt. Ich erinnere mich an die Zeit des Golfkrieges Anfang der neunziger Jahre, als er mit vielen anderen im alten
Kafenion bei Kostas täglich laute und heftige Argumente austauschte. Heute hört er nicht mehr so gut und wird von den nicht erheblich jüngeren Tischnachbarn deswegen schelmisch geneckt.
Obwohl das neue Kafenion ganz anders aussieht und eingerichtet ist, werde ich unerwartet in die alten Zeiten hinein katapultiert. Es sind die stimmungsvollen Fotos von Kostas, Schnappschüsse von damals, an den Wänden des neuen Kafenions, die mich in ihren Bann ziehen: Kostas als junger Mann, lachend, mit verwegenem Gesichtsausdruck - Kostas rauchend, nachdenklich - Kostas mit Besuchern, in seinem berstend vollen Kafenion. Ausländische Gäste und Einheimische hatten ihre Lieblingsbesuchszeiten. Insbesondere morgens und vormittags 'gehörte' das Kafenion den älteren Gästen aus dem Dorf. Dann wurde geplaudert und diskutiert, 'Elliniko' geschlürft, auf die Post gewartet und viel herumgesessen. Zigarettenrauch schwängerte die Luft. Um die Mittagszeit leerte sich das Kafenion, man hatte zu Hause zu tun. Dann bevölkerte unsere 'Parea' der Überwinterer und Residenten den Raum und die Tische draußen, gleich neben der hölzernen Eingangstür. Oft saßen wir auch unter dem Baum auf der gegenüber liegenden Seite im mittäglich kühlen Schatten. Wie schön, dass das heute wieder möglich ist. Es ist einfach eine wunderbare Nische, von der aus man die Dorfstraße und das Kafenion prima überschauen kann. Wie es scheint, ist diese Ecke heute wie damals heiß begehrt.Für uns war Kostas' Kafenion der zentrale Ort, an dem jeder seinen Platz finden konnte. Kostas war es egal, woher wir kamen, wie jemand aussah, was er erlebt hatte, welche Kleidung er trug, ob Frau oder Mann. Hier hatte niemand das Recht, sich über einen anderen zu erheben. Kostas lebte uns seine Lebensphilosophie vor. Manchmal mochte man sich einfach nur ein wenig hier ausruhen, vielleicht sogar etwas schlafen auf der langen Bank im rückwärtigen Teil des Kafenions. Kostas hätte niemanden auch nur in die Nähe gelassen. Mit Argusaugen bewachte er den Schlaf seines Schützlings. Wir fühlten uns bei ihm einfach wohl und aufgehoben. Eines Tages tauchte ein junger, verschlossener Mann auf. Augenscheinlich besaß er nichts anderes als das, was er auf dem Leibe trug. Er hatte weder eine warme Jacke, noch etwas Wärmendes für die Nacht. Geld besaß er augenscheinlich auch nicht. In einem Rohbau quartierte er sich ein. Irgendjemand hatte ihm etwas zu essen gegeben, ein anderer Zigaretten. Er schlich durch das Dorf und sprach mit niemandem, wurde argwöhnisch beäugt. Eines Sonntagmorgens wurde er in Kostas' Lager direkt neben dem Kafenion (dort, wo man heute auf bequemen Korbstühlen draußen sitzen kann) erwischt, als er zwei Flaschen Wein mitnehmen wollte. Kostas war gerade kurz weg gewesen. Anwohnende und herbeieilende Dorfbewohner waren sehr erzürnt und schrieen herum. Auch wir waren erbost und regten uns auf. Kostas durfte man nicht bestehlen! Niemals!Die Wogen schlugen immer höher, so dass man ernsthaft um die Gesundheit des jungen Mannes fürchten musste. Bis Kostas, mittlerweile wieder zurück, ein lautes Machtwort sprach. Wer uns denn das Recht gäbe, uns derart aufzuführen? Es sei überhaupt nichts passiert! Sich wegen zwei Flaschen Wein, an denen ein offensichtlich armer Teufel sich gütlich tun wollte, so aufzuführen! Wir waren erst mal sprachlos. Kostas besorgte und bezahlte dem jungen Mann ein Taxi, denn hier im Dorf konnte er nun nicht mehr bleiben. Er begleitete ihn sogar bis zum Auto, damit der Mann auch sicher einsteigen konnte. Wir hingegen waren beschämt. Die Botschaft war angekommen. Es gibt viele solcher Geschichten, denn hier wirkte ein großer Mann, ein Mensch, dem das Menschliche am Herzen lag. Er verströmte Kraft und Liebe. Sein verschmitztes Lächeln rührte unser Innerstes an. Seine Herzensgüte gab uns ein wohliges und warmes Gefühl. Kostas ist im Jahr 2003 gestorben. Wir alle trauern um ihn, jeder auf seine Weise. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass das alte Kafenion danach noch lange offen war für alle, die Abschied nehmen wollten, die von irgendwoher aus der Welt kamen. Kostas wird niemals vergessen werden. Unsere gemeinsamen Erlebnisse haben sich tief in uns eingegraben. Und so verwundert es mich nicht, als mich nach all den Jahren meine Gefühle beim Anblick der alten Fotos im neuen Kafenion überwältigen, von den älteren pitsidianischen Gästen aufmerksam beobachtet. Sie sind bei mir. Antónios, der neue Wirt, serviert einen kräftigen Frappé, der mich wieder in die heutige Zeit zurück bringt……er trägt eine gestreifte Schürze, sie sieht genau so aus wie die, die Kostas früher trug, und wieder rollen die Tränen ... Es ist bestimmt nicht nur für mich eine große Freude, dass das alte Kafenion - und damit auch die greifbare Erinnerung an seinen ursprünglichen Besitzer, dem das heutige Kafenion seinen Namen verdankt - seine Bestimmung behalten hat. Das neue, mit sehr viel Liebe eingerichtete Lokal bietet allen einen Platz, den Besuchern von damals und den neuen Gästen, den Touristen und den jungen Leuten aus dem Dorf und der Umgebung. Das wäre ganz nach Kostas Geschmack. Heute sorgt der neue Besitzer, Antónios Sfakakis, für das Wohlergehen seiner Gäste." Christina |
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